Historie

Barockes Geläut

1691 bis 1917 / 1943

Am 19. März 1691 ereignete sich in Görlitz ein großer Stadtbrand, dem auch die Peterskirche zum Opfer fiel. Neben der Innenausstattung im Kirchenschiff erfasste der Brand auch die Türme und beschädigte die darin befindlichen fünf Glocken stark. In den darauffolgenden Jahrzehnten entstand in mehreren Güssen ein neues, barockes Geläut aus sechs Glocken.


Bereits im selben Jahr, am 31. August 1691, gießt der in Görlitz ansässige Abraham Sievert drei dieser Glocken, welche von Görlitzer Bürgern gestiftet wurden. 1696 und 1697 folgten die beiden größten Glocken, die Große Glocke und die Betglocke, im Auftrag der Stadt Görlitz, welche das Patronatsrecht innehatte. 1716 ergänzte Michael Weinhold letztlich mit einer von der Tuchmacherinnung gestifteten Glocke das Ensemble.


Die Glocken dieses Geläutes wurden letztlich fast alle während der beiden Weltkriege aus den Türmen geholt und für Munition und Waffen eingeschmolzen. Den größten Verlust stellt dabei die Große Glocke dar, welche mit rund 11 Tonnen und dem Ton dis0 eine der größten und am tiefsten klingenden Glocken Deutschlands war.

Bezeichnung Ton Gewicht Gussjahr Gießer Verlust
1 Große Glocke dis0 10900 kg 1696 Joachim Hannibal Brors im Ersten Weltkrieg eingezogen
2 Betglocke fis0 5700 kg 1697 Joachim Hannibal Brors
3 Primariatglocke dis1 1100 kg 1737 Benjamin Körner im Ersten Weltkrieg eingezogen
4 Tuchmacherglocke fis1 643 kg 1737 Benjamin Körner im Zweiten Weltkrieg eingezogen
5 Schützenglocke ais1 320 kg 1851 Hadank & Sohn im Zweiten Weltkrieg eingezogen
6 Schlussglöckchen g2 75 kg 1691 Abraham Sievert im Ersten Weltkrieg abgegeben

Schlussglöckchen

ungenutzte Holzjoche im Südturm der Peterskirche Görlitz

Der Görlitzer Kaufmann Elias Göldner stiftete kurz nach dem Brand vom 19. März 1691 das Schlussglöckchen. Es war die kleinste von drei Glocken, welche noch im selben Jahr, am 31. August, vom Görlitzer Glockengießer Abraham Sievert gegossen wurden.


Nachdem weitere Glocken hinzugekommen waren, beziehungsweise umgegossen wurden, passte es klanglich nicht mehr in das Geläut. Es wurde daher nicht mit den anderen Glocken zusammen geläutet, was wiederum dazu führte, dass es bald nur selten bis gar nicht erklang.


Während des Ersten Weltkrieges entschied man schließlich, es zusammen mit den beschlagnahmten Glocken aus den Türmen zu holen. So wurde das Schlussglöckchen 1917 mit abgegeben und für die Rüstung eingeschmolzen.







Holzjoche der eingeschmolzenen Glocken im Südturm

  • Inschrift

    Da, DEVS, ut quoties resonans Campana tonabit,

    Officium faciat tunc quoque quisque suum. 1691.


    Gib, o Gott, dass so oft die Glocke hallend wird tönen,

    Dann auch jeder verricht' stets vor Dir seinen Dienst. 1691.

Schützenglocke

Glocke Hadank & Sohn Hoyerswerda

Die Görlitzer Schützengesellschaft stiftete diese Glocke bereits kurz nach dem Brand vom 19. März 1691. Sie war die mittlere von drei Glocken, welche noch im selben Jahr, am 31. August, vom Görlitzer Glockengießer Abraham Sievert gegossen wurden.


Nur wenige Jahre später wurde sie schadhaft und konnte rund 20 Jahre nicht geläutet werden. 1716 goss sie der Dresdner Glockengießer Michael Weinhold um. 1854 zersprang sie jedoch, weshalb sie von Hadank & Sohn in Hoyerswerda abermals umgegossen wurde.


Die Schützenglocke wurde während des Zweiten Weltkrieges 1943 beschlagnahmt und für die Rüstung eingeschmolzen.








Darstellung einer Glocke von Hadank & Sohn

  • Inschrift

    1691 den 19. Martii

    Als diese Kirche und Gottes-Spiel

    Durch Feuer in Rauch und Asch verfiel:

    den 31. Aug.

    Hat diese Glock' der Schützen Hand

    Dem Herrn gestiftet nach dem Brand.

Tuchmacherglocke

Tuchmacherglocke Peterskirche Görlitz

Nachdem die Primariat- und die Schützenglocke aus dem Sievert'schen Guss von 1691 nur wenige Jahre später schadhaft geworden waren, wurden beide 1716 umgegossen. In diesem Zuge stiftete die Tuchmacherinnung der Peterskirche eine sechste Glocke, welche zusammen mit den beiden Umgüssen von Michael Weinhold aus Dresden geschaffen wurde.


Der Guss gelang, aber die Tuchmacherglocke harmonierte nicht mit der eine Oktave tiefer klingenden Betglocke, weshalb der Görlitzer Gießer Benjamin Körner sie 1737 nochmals umgoss.


Diese Form hat sie bis heute und mehr als 200 Jahre lang hing sie unbehelligt im Südturm. 1943 holte man sie dann für Rüstungzwecke herunter und transportierte sie nach Hamburg, wo sie nach Kriegsende aber geborgen und wieder nach Görlitz zurückgebracht werden konnte. Ihr altes Holzjoch verblieb dabei oben im Turm, wo es sich nun mehr als 80 Jahre später immer noch befindet.


Sie selbst hängt heute an einem gekröpften Stahljoch, im oberen Gefach des 1956/57 errichteten Stahlglockenstuhls, zwischen den Türmen.

  • Schriftband Schulter

    Ao.1716. GEGOSSEN VON MICHAEL WEINHOLD AVS DRESSDEN.

    Ao.1737. DER HARMONIE WEGEN VMGEGOSSEN VON BENJAMIN KOERNERN AVS GOERLITZ.

  • Inschrift Flanke (hinten)

    DEM DREYEINIGEN GOTT ZU EHREN HAT ANNO 1716

    DIE LOEBL: ZUNFFT DER TVCHMACHER ALLHIR IN GOER-

    LITZ AVF IHRE KOSTEN DIESE GLOCKEN LASSEN GIESSEN,

    VND IN DIESE KIRCHE WOHLMEINEND VEREHRET.

    VND SIND ZV DIESER ZEIT ELTESTEN GEWESEN:

    MARTIN TAESCHNER,

    GEORGE SCHNEIDER,

    DANIEL WIESSNER,

    GOTTFRIED VLRICH,

    GOTTFRIED SEIBT, ANDREAS ALTENBERGER,

    DAVID WIEDEMANN, JOACHIM FIRLE,

    CHRISTIAN SCHMID, JOHANN SCHNEIDER,

    CHRISTIAN HOFFMANN, JOHANN FRIEDRICH NOEFFE.

Primariatglocke

Primariatglocke Gipsmodell Peterskirche Görlitz

Das Ehepaar Christoph und Rosina Seifert stiftete diese, auch Kreuzglocke genannte, bereits kurz nach dem Brand vom 19. März 1691. Seifert, zum Zeitpunkt des Brandes noch Diakon, war bis zu seinem Tod 1702 Pastor primarius der Peterskirche, wovon sich die Bezeichnung der Glocke ableitet. Sie war die größte von drei Glocken, welche der Görlitzer Glockengießer Abraham Sievert am 31. August 1691 goss.


Nur wenige Jahre später wurde sie schadhaft und 1716 vom Dresdner Glockengießer Michael Weinhold umgegossen. Ihr Klang harmonierte jedoch nicht mit der eine Oktave tiefer klingenden Großen Glocke, weshalb der in Görlitz tätige Gießer Benjamin Körner sie 1737 nochmals umgoss.


Während des Ersten Weltkrieges wurde die Primariatglocke beschlagnahmt und für die Rüstung eingeschmolzen. Zuvor wurde ein Gipsabdruck von ihr angefertigt, welcher heute in der Peterskirche ausgestellt ist.





Gipsabdruck der Primariatglocke

  • Schriftband Schulter (oben)

    ANNO 1716. GEGOSSEN VON MICHAEL WEINHOLD AVS DRESSDEN.

    ANNO 1737. DER HARMONIE WEGEN VMGEGOSSEN VON BENJAMIN KOERNER AVS GOERLITZ.

  • Inschriften Flanke

    GOTT GELOBTES BRAND VND DANCK-

    OPFFER DEN 19. MART: 1691.

    WIE ICH MEINE LIPPEN HAB AVFGETHAN

    VND MEIN MVND GEREDT HAT IN MEINER

    NOTH.  PSAL: 66.V.13.14.


    VERSCHAFFET VON

    HERR M. CHRISTOPHORO SEYFERT PAST:

    PRIMAR: GORL:

    VND FRAVEN ROSINA SEYFERTIN GEB: OSTIN

    CONIVGE

Betglocke

Betglocke Peterskirche Görlitz

Im Auftrag des Görlitzer Stadtrates wurde sie am 24. Januar 1697 von Joachim Hannibal Brors gegossen.


Ihre Geschichte beginnt bereits 1472, als ihre Vorgängerin, die erste Große Glocke Susanna, von Matthias Haubitz geschaffen wurde. 1598 wurde sie von Urban Schober aus Magdeburg und dem Görlitzer Martin Weigel umgegossen, nachdem sie im Jahr zuvor bei einem Grabläuten zersprang. Diese "Zweite Susanna" ging in den Flammen des großen Stadtbrandes vom 19. März 1691 unter und lieferte anschließend das Material für Brors' Betglocke.


Von den beiden Weltkriegen verschont, war sie die einzige Glocke, welche in den Türmen verblieben war.

  • Schriftband Schulter (oben)

    COSS. ELIA.RICHTER. MICHAEL.STEINBACH. JOH.KISLING.

    IGNIS EGO SALVA RABIE VITIATA RESVRGO KISLINGI CVRIS ET. WIDEMANNE. TVIS.


    Vorstand Elias Richter, Michael Steinbach, Johann Kiesling.

    Ich durch wilde Flut des Feuers verdorben, erstehe wieder durch eure Sorg', Kiesling und Wiedemann, neu.

  • Schriftband Wolm (unten)

    FVSA HÆC ANNO MDXCVIII CAMPANA SED. AN. MDCXCI D. XIX. MART.

    EODEM. QVO COETERÆ FVNESTO INCENDIO LABEFACTÆ. ÆDIS HVIVS

    PETRO – PAVLINÆ CVRATORUM. IOHANNIS KISLINGII. CONS. ET L. CHRISTIANI

    WIDEMANNI. SCABINI. AVSPICIIS. ANNO MDCXCVII. MENSE JAN. RESTAVRATA

    EST OPERI IOACH. HANNIBALIS BRORSII.


    Gegossen im Jahr 1598 wurde diese Glocke im Jahr 1691, dem 19. März, mit den Anderen in Brand gesetzt.

    Unter Vorsteher seines Hauses Peter und Paul, Johann Kiesling, und unter Aufsicht des Ratsherren

    L. Christian Wiedemann, wurde im Jahre 1697 Monat Januar, dieses Werk wiederhergestellt durch

    Joachim Hannibal Brors.

Große Glocke

Große Glocke Gipsmodell Peterskirche Görlitz

Der Görlitzer Stadtrat beauftragte den aus dem holsteinischen Reinfeld stammenden Joachim Hannibal Brors, aus den Überresten der Großen Glocke Maria eine noch größere Glocke zu gießen. Nachdem zwei Versuche am 2. August sowie am 21. Oktober 1695 fehlschlugen, gelang ihm am 3. August 1696 der Guss der neuen Großen Glocke.


Mit einem Gewicht von etwas weniger als 11 Tonnen und dem Schlagton dis0 war sie bis in das späte 19. Jahrhundert die drittgrößte und am tiefsten klingende Glocke Deutschlands.

Neben Akanthusfriesen und Schriftbändern zierten an den Flanken das Stadtwappen von Görlitz und die Reliefs der Apostel Petrus und Paulus die Große Glocke.


Während des Ersten Weltkrieges wurde sie für die Rüstung beschlagnahmt. 1917 zerschlug man sie dazu in ihrer Glockenstube in 16 Teile, welche am 19. Juli abgeliefert wurden. Zuvor wurde ein Gipsabdruck in Originalgröße von ihr angefertigt, welcher heute in der Peterskirche ausgestellt ist.






Gipsabdruck der Großen Glocke

  • Schriftband Schulter (oben)

    IGNI RVPTA IACET CAMPANA HÆC QVINQVE PER ANNOS: SEXTO. LAVS CHRISTO. SVRCIT AT HOCCE NOVA.

    COSS. MICHAEL. STEINBACH  IOH. KISLING  ET ELIA RICHTER


    Durch Brand gebrochen, schwieg fünf Jahr' diese Glocke, im Sechsten jedoch, zum Lobe Christi, ersteht sie aufs Neue.

    Vorstand Michael Steinbach, Johann Kiesling und Elias Richter

  • Schriftband Wolm (unten)

    D.O.M.S. CAMPANA. HÆC. ÆDIS HVIVS PETRO=PAULINÆ MAXIMA. ANNO M.D.XVI. FVSA. POSTQVAM ANNO M.DC.XCI. D. XIX. MART. FERALI INCENDIO LABEM FECERAT ANNO M.DC.XCVI. MENS. IVL. IOH. KISLINGII. CONS. ET TEMPLI CVRAT. AVSPICIO AB INTEGRO RESRAVRATA EST. OPERA IOACHIM. HANNIBAL BRORSII.


    Dem Besten und Größten Gott geweiht, ist diese Glocke in seinem Hause Peter und Paul die Größte. Im Jahr 1516 erstmalig gegossen, führte ein wilder Brand im Jahr 1691, dem 19.März, ihren Sturz herbei. Im Jahr 1696, dem Monat Juli, unter Johann Kiesling, Vorstand und Kurator der Kirche, wiederhergestellt.

    Werk von Joachim Hannibal Brors.

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